Jetzt aber mal ein paar Fakten: Womit haben Sie mehr Geld verdient, als Angestellter des ZDF oder als Privatunternehmer, der Bücher schreibt und Vorträge hält?

 

Es hielt sich die Waage.

 

Welcher Ihrer Filme hat sich international am besten verkauft?

 

Das muss entweder "Hitler - eine Bilanz" gewesen sein oder "Hitlers Helfer", vielleicht auch "Holokaust".

 

Die berühmten zwölf Jahre. Haben Sie je daran gedacht, unernste Filme zu drehen?

 

Ja, ja, ja! Natürlich! Sie werden wahrscheinlich überrascht sein, wenn ich Ihnen erzähle, dass ich den Anfang meiner Zeitungszeit beim Main-Echo mit Satire bestritten habe. Satire oder Parodie ist etwas, das ich gerne mal machen würde, weil ich es bisher im Fernsehen nicht konnte.

 

Müssen wir fürchten, dass Sie Hitler plötzlich am Schnurrbart zupfen? Dass bei Ihnen wie bei Mel Brooks ein Geschwader Tauben mit Stahlhelm und Hakenkreuzen rumschwirrt, ist nur schwer vorstellbar.

 

Das war der alte Guido Knopp! Diese Zeit ist abgeschlossen.

 

Jetzt kommt der neue Guido Knopp?

 

Ich hätte schon Lust, mich zum Teil über solche Sachen neu zu erfinden.

 

Sie könnten sich über den Guido Knopp von früher lustig machen?

 

Warum nicht? Natürlich ginge das.

 

Kennen Sie diese Führerrede, bei der sich Hitler in Ekstase redet und darüber hat jemand den "Leasing-Vertrag" von Gerhard Polt gelegt? Bei Ihnen muss es immer feierlich zugehen.

 

Ich will nicht sagen feierlich, aber ernst. Denn die Themenlage ist ernst. Bei unserem Programmauftrag kann es auch gar nicht anders sein.

 

Über Hitler lachen, geht das?

 

Natürlich geht das.

 

Aber nicht bei Ihnen.

 

Bis dato nicht, aber warten Sie es mal ab.

 

Von jetzt an darf gelacht werden?

 

Vielleicht! Von jetzt an darf gelacht werden. Es muss ja nicht nur über Hitler sein.

 

Waren Sie durch diesen Ernst des Programmauftrags nicht in Gefahr, das Nazi-Pathos zu verlängern?

 

Wir haben immer versucht, dagegenzuwirken in der Textierung, in einer sparsamen, lakonischen Kommentierung.

 

Einspruch, die Handschrift Knopp ist doch das große Gefühlskino!

 

Ja, aber nicht bei investigativen Themen, was die Nazizeit betrifft.

 

Ihre Zeitzeugen sind Emotionsträger, sonst nichts.

 

Nein, sind sie nicht. Sie sind Erinnerungsträger für den subjektiven Teil von Geschichte. Das subjektive Erleben von Grenzerfahrungen im Leben ist das, was die große Geschichte noch mal durch die jeweilige Biografie ergänzt. In Amerika habe ich es mal so umschrieben: "History is cold, but memory is warm." Man muss sich darum kümmern, und das tun wir sehr intensiv, damit die Erinnerung der Zeitzeugen schlicht und ergreifend stimmt.

 

Wie können Sie da sicher sein?

 

Da haben wir unsere Fachberater, die sich das streng vornehmen. Wenn die Geschichte bestätigt ist, senden wir es. Sonst nicht.

 

Eine Zeugin wie Traudl Junge, die bereits 1948 als unglaubwürdig galt, durfte bis zu ihrem Tod 2002 ihre Hitler-Schmonzetten erzählen. Unter Zeithistorikern gibt es die Redensart "Er lügt wie ein Zeitzeuge".

 

Wenn wir uns dieses Diktum zu eigen machen würden, könnten wir den ganzen Bereich Oral History auf den Misthaufen werfen.

 

Wenn Magda Goebbels noch lebte, wäre sie dann Ihre Zeitzeugin?

 

Wahrscheinlich. Aber man müsste sie investigativ-kritisch befragen und gegebenenfalls konterkarieren. Das tun wir gelegentlich auch, in seltenen Fällen. Wenn etwas eine subjektive Fehl-Erinnerung ist, aber von der Figur her so interessant, dass es präsentabel ist, dann kann es zitiert werden.

 

Der Historiker Wulf Kansteiner hat Ihnen "Geschichtspornografie" vorgeworfen. Trifft Sie das nicht?

 

Ach, der Herr K.! Das ist dann auch ein bisschen albern. Bei uns im Sender wird das gar nicht gewichtet oder gewertet. Da lächelt man darüber. Ich nehme es mit einer Prise Salz.

 

Bei Ihnen ist wiederholt Wilhelm Höttl aufgetreten.

 

Ja, Mitte der Neunziger, ich erinnere mich.

 

Der ehemalige SS-Hauptsturmführer hat als Erster die Zahl von sechs Millionen ermordeten Juden überliefert. Er war Mitarbeiter des Geheimdienstchefs Walter Schellenberg, dann bei den Amerikanern, bei der Organisation Gehlen, sicher der unglaubwürdigste Zeuge von allen.

 

Wir haben den in einigen Filmen gehabt, im Eichmann-Film und in der Holokaust
-Serie. Er war einer der wenigen Täter, die vor die Kamera geholt wurden. Sonst gab es nur einen Letten und einen Esten, die in der Sowjetunion ihre Strafe bereits abgesessen hatten und offen über ihre Beteiligung am Holocaust sprachen.

 

Das ZDF hat Höttl durch den Auftritt die Absolution erteilt.

 

Ich fand es wichtig, dass wir auch solche Leute hatten.

 

Hat sich der Programmdirektor nicht manchmal gedacht: Quote gut und schön, aber ohne Guido Knopp wären unsere Zuschauer im Durchschnitt viel jünger?

 

Nein, Euer Gnaden, da widerspreche ich entschieden. Nikolaus Brender, der damalige Chefredakteur des ZDF, hat das schöne Wort geprägt: "Das ZDF wird durch Geschichte jung." Unsere History-Sendung hat bis heute einen weitaus höheren Anteil bei den entscheidenden der 14- bis 49-Jährigen als andere.

 

Als es beim History Channel in den USA zu viel Hitler wurde und vom "Hitler Channel" die Rede war, hatte da nicht auch Guido Knopp das Gefühl, ich muss etwas ganz Neues anfangen?

 

Wir haben es nicht abrupt gemacht, sondern uns 2004 nach zehn Jahren anderen Themen zugewandt. Das war ein sachter Prozess.

 

Der Philosoph Ernst Nolte sprach einst von der Vergangenheit, die nicht vergehen will. Haben Sie nicht auch dafür gesorgt, dass sie einfach nicht vergeht?

 

Ich denke, dass die Nazi-Zeit für uns ein Lehrstück ist. Das ist auch die Chance des Mediums Fernsehen, das zum ersten Mal im 20. Jahrhundert mit Bildern aufwarten kann, die nachdrücklich im Gedächtnis haften. Man darf die "Vergangenheit, die nicht vergehen will" nicht nur analytisch betrachten, sondern muss auch sehen, was sie mit den Menschen gemacht hat.

 

Als die Serie Holocaust im WDR lief, war das ZDF noch sehr stark weltanschaulich geprägt.

 

Wie meinen Sie das?

 

Als konservativer Gegenentwurf zur ARD. Gab der Intendant Dieter Stolte für Ihre Arbeit eine Linie vor?

 

Nein, ich konnte wirklich das Programm machen, von dem ich überzeugt war.

 

Hatten Sie eigentlich nie den Ehrgeiz, selber Intendant zu werden?

 

Nein, die Bürokratie wäre mir zu viel gewesen.

 

Das sagen alle.

 

Es stimmt aber. Ich hatte beim ZDF den besten Arbeitsplatz der Welt. Gelegentlich gab es Anfragen von außen, von Dritten, von der ARD, von einem großen Konzern.

 

Wir nennen jetzt nicht den Namen Bertelsmann.

 

So etwas wäre reizvoll gewesen.

 

Was hätten Sie da gemacht?

 

Ich hätte einen Verlag geleitet, und gleichzeitig hätte ich mir eine eigene Fernsehproduktion ausbedingen können. Mit diesem Angebot bin ich zu Dieter Stolte gegangen. Vom Verstand her würde ich das machen, sagte ich ihm, aber vom Herzen her würde ich gern beim ZDF bleiben. Er fand das auch. Und dann sind Dinge möglich, die vorher schwierig gewesen wären.

 

And the rest is history.

 

So ist es.

 

 

Das Interview ist erschienen in der Süddeutschen Zeitung vom 26.1.2013, Seite 38.